Länger und älter als der Jakobsweg
ist der Weg der 88 heiligen Stätten.
Er umkreist die japanische Insel Shikoku.
Wegen der vielen Tempel, Schreine und
Mönche nennen Japaner sie die „heilige Insel“.
Dort pilgern Menschen seit zwölfhundert Jahren,
entlang einer Route von 1.300 Kilometern, markiert
durch 88 Tempel. Die Zahl gab dem Weg seinen
Namen: hachijuhakkasho – die 88 heiligen Stätten.
Wer hier geht, ist Japaner und Buddhist. Nur ganz
selten mischt sich ein Ausländer darunter. Zum Beispiel
im Frühjahr 2007. Da ging ein Deutscher mit, allein, begleitet
von seiner Kamera. Er war auf der Suche nach „henro boke“,
dem eigentümlichen Zustand des Pilgerns, den ihm ein Japaner
auf dem Jakobsweg prophezeit hatte. Er war allein und fand vieles:
trommelnde Mönche, erwachende Schlangen, Schamanen, Sutren,
Fremdheit im umfassenden Sinn des Wortes.
Das Wort Pilger kommt aus dem Lateinischen. Es heißt „fremd; Fremder“.
Sich der Fremdheit auszusetzen, ist eine zentrale Idee des Pilgerns. Hier auf
der ländlichen Insel Shikoku gibt es keine lateinischen Schriftzeichen. Kaum jemand
spricht Englisch. Die Landkarten: Rätsel. Genau der richtige Ort für eine Pilgerreise in
die Fremde.
Wo befindet man sich, wenn man andauernd fehl am Platz ist, nicht mitreden kann, sich
ständig verläuft, in die Einsamkeit schlittert, sich im Dschungel fremder Zeichen verirrt und
nie weiß, ob man nach 1.300 Kilometern wirklich dort ankommt, wo man ankommen soll?
Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass andere diesen unendlich langen Weg nicht nur einmal oder sieben Mal gepilgert sind, sondern 385 mal? Die Insel ist heilig und ein bisschen verrückt, vielleicht nicht nur ein bisschen. Vielleicht ist es der Pilger aus Deutschland auch geworden –
und mit ihm seine Doku.
